„Kein Verein muss sich positionieren, aber jeder sollte sich widerstandsfähig machen“
DOSB: Nina, die neue Fassung der Positionierung, die heute veröffentlicht wird, erneuert und ergänzt die erste von 2020. Warum war es notwendig, diese nach relativ kurzer Zeit so umfassend zu überarbeiten?
Nina Reip: Um diese Frage zu beantworten, bedarf es zunächst einer Klärung: Was ist eine gute Halbwertzeit für eine Positionierung, was soll diese leisten? Ist sie eine einmalige Veröffentlichung, um Haltung zu zeigen? Oder ist sie vielmehr ein Instrument der Organisationsentwicklung, das als inhaltliche Richtschnur fungiert? Es geht bei dieser Positionierung um ein Grundsatzpapier für die Deutsche Sportjugend und den Deutschen Olympischen Sportbund. Genau wie bei einer Satzung, die ja auch ein Grundlagendokument ist, das Veränderungen unterliegt, ist bei einer Positionierung Weiterentwicklung wichtig. Sie ist nicht statisch, sondern sie lebt, weil wir mit ihr und an ihr arbeiten, und das haben wir nun getan.
Was sind denn die wichtigsten Veränderungen, die dazu geführt haben?
Wir haben in den vergangenen sechs Jahren einen vielfältigen gesellschaftlichen Wandel erlebt, angefangen durch die Verwerfungen der Corona-Pandemie. Wir sind als gesamte Gesellschaft veränderten Diskursen, multiplen Krisen und neuen weltpolitischen Begebenheiten ausgesetzt, und all das spiegelt sich in Sportvereinen. Außerdem haben sich auch dsj und DOSB weiterentwickelt, wir haben Themen vorangetrieben, Maßnahmen umgesetzt und lernen zudem von Entwicklungen in unseren Mitgliedsorganisationen. Im Juli 2025 erschien das aktualisierte Gutachten von Richard Gebhardt zur Sportpolitik der AfD, damit haben wir uns intensiv auseinandergesetzt. Dazu kam im September 2025 unser Hearing in der DOSB-Geschäftsstelle in Frankfurt am Main, bei dem die dsj- und DOSB-Mitgliedsorganisationen ihre Erfahrungen geschildert und ihre Bedarfe formuliert haben. Dadurch haben wir vieles noch einmal besser verstanden und uns inhaltlich damit auseinandergesetzt, was wir heute anders formulieren würden als in der Positionierung von 2020. Daraus ist letztlich die überarbeitete Fassung entstanden, die wir heute veröffentlichen.
Wie funktioniert eine solche Überarbeitung technisch, wer ist dafür zuständig und wer hat den DOSB und die dsj extern dazu beraten?
Da es eine gemeinsame Positionierung ist, haben DOSB und dsj zunächst intern die Überarbeitung vorgenommen. Hierzu hat die 2025 geschäftsbereichsübergreifend gebildete Kompetenzgruppe „Sport und Demokratie“ den Auftrag zur Überarbeitung erhalten. Diese hat sich mit Personen aus den Führungskreisen von DOSB und dsj ausgetauscht und zu ausgewählten Themen auch Expert*innen von außerhalb zurate gezogen. Hier wäre exemplarisch Robert Claus zu nennen, der als Fachmann für die Themen Vielfalt und Antidiskriminierung, Rechtsextremismus und Prävention im Sport renommiert ist. Daraus ist die aktualisierte Positionierung entstanden, die sich in drei Bereiche gliedert. Einen Kerntext mit Positionierung und zwei Anhänge. Einer beinhaltet den Maßnahmenkatalog und Handlungsprämissen, die konkret für DOSB und dsj gelten, der andere eine Begriffserklärung als Hilfsinstrument.
Die Einstiegssätze in die neue Positionierung klingen durchaus dramatisch. Was sind die wichtigsten Entwicklungen, die die darin geschilderten Sorgen so deutlich haben wachsen lassen?
Dies muss man aus zwei Perspektiven betrachten. Zum einen sind die Sorgen groß, weil wir die Probleme sehen. Wir haben zwar auch vor sechs Jahren die Augen nicht verschlossen, aber wir erleben nun, dass die Breite des Sports anders für antidemokratische Haltungen und Handlungen sensibilisiert ist, weil es sie mittlerweile selbst betrifft, und das flächendeckend in ganz Deutschland. Andererseits sind die Sorgen gewachsen, weil die Probleme deutlich massiver auftreten. Es gibt eine Partei, die an vielen Stellen antidemokratisch agiert und rechtsextremes Gedankengut verbreitet. Dadurch verschieben sich Grenzen, der Blick auf die Gesellschaft verändert sich, so dass es mittlerweile so gut wie jede Person im Sport betreffen kann. Dazu kommen Entwicklungen auf globaler Ebene, die auf Deutschland abstrahlen. Die Kriege in der Ukraine oder im Nahen Osten haben direkten Einfluss auf die Lage der Menschen in Deutschland, zum Beispiel durch steigende Spritpreise oder durch Konflikte mit antisemitischem Hintergrund, die auf den Sportplätzen stellvertretend ausgetragen werden.
Das Verhältnis von Sport und Demokratie ist vielfältig. An welchen Stellen siehst du gerade das Thema Demokratiebildung in Vereinen und Verbänden, das auf Vereinsebene niedrigschwellig durch Teilhabe an Wahlen oder das Erlernen von Strukturen gefördert werden kann, durch äußere Einflüsse bedroht?
Das ist eine komplexe Frage. Wir müssen zunächst klarstellen, was wir unter Demokratie verstehen. Es gibt auch in Deutschland Menschen, die die liberale Demokratie abschaffen wollen, aber nicht die Demokratie an sich. Selbst in Sportvereinen, die antidemokratisch aufgestellt sind, wird man auf Wahlen nicht verzichten, aber es stellt sich die Frage, wie offen und zugänglich diese noch sein werden. Sportvereine werden immer Orte des Zusammenseins bleiben, aber auf Grundlage welcher Werte ist dieses Zusammensein organisiert und bleiben Sportvereine ein Ort der Begegnung, der inklusiv ist? Zudem sind es nicht unbedingt äußere Einflüsse, die eine Bedrohung darstellen. Unterwanderungen gibt es, das ist eine Strategie der AfD, die seit 2019 laut entsprechendem Papier existiert. Aber die Mehrheit der Vereine leidet nicht an Unterwanderung. Ihre Herausforderung sind die Mitglieder, die schon da sind und sich den Raum nehmen, ihre antidemokratischen und menschenfeindlichen Haltungen zu propagieren. Der Umgang mit diesen Mitgliedern ist der Knackpunkt. Wie können Sportvereine mit ihnen umgehen, gleichzeitig die Hand reichen und die Werte verteidigen? Das ist herausfordernd, aber machbar.
Es ist in der neuen Positionierung auch davon die Rede, dass sich antidemokratisches Verhalten stärker aus dem digitalen in den analogen Bereich verschoben hat. Ist es belegbar, dass sich mehr Menschen aus der Anonymität des Internets herauswagen und Beleidigungen oder Bedrohungen offener ausgesprochen werden?
Tatsächlich ist eindeutig festzustellen, dass die Hemmschwelle, auch öffentlich bestimmte Aussagen zu treffen, die vor einigen Jahren nicht konsensfähig gewesen wären, deutlich niedriger geworden ist. Es gibt seit vielen Jahren entsprechende Vorbilder im digitalen Raum, von denen sich Menschen Verhaltensweisen abschauen und diese aus dem Netz ins reale Miteinander überführen. Leider bleiben solche Aussagen heute in beiden Räumen zu oft unwidersprochen. Wenn Verletzungen der Menschenwürde aber keine Grenzen gesetzt werden und die Gesellschaft nicht durch allgemeingültige Werte getragen wird, dann werden extreme Einstellungen mehrheitsfähig, und genau das beobachten wir gerade. Sportvereinen erwächst daraus zwar die große Chance, sich deutlich gegen jegliche Form der Radikalisierung zu positionieren, aber auch eine große Verantwortung. Es empfiehlt sich sehr, dass Vereinsmitglieder untereinander aushandeln, worin ein gutes Zusammenleben besteht.
Es ist unter anderem von rechtsextremen und von autoritär-linken Interventionen die Rede. Worin unterscheiden sich die politischen Extreme in ihrer Einflussnahme?
Wir haben nicht nur mit den politischen Extremen zu tun, sondern auch mit religiösem Extremismus. Um es klar zu sagen: In Deutschland ist im Bereich des organisierten Sports der Rechtsextremismus die größte Herausforderung, darauf liegt unser Fokus – bei der Arbeit und in der Positionierung. Wir erkennen aber ausdrücklich an, dass es andere Herausforderungen wie zum Beispiel den links-antiimperialistischen oder religiös motivierten Antisemitismus gibt, der insbesondere seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 zugenommen hat. Dazu kommen Organisationen wie die Grauen Wölfe, die ihren Extremismus auch außerhalb der Türkei bei uns verbreiten. Grundsätzlich sind es unterschiedliche Zielgruppen im Sport, die von den verschiedenen Phänomenen betroffen sind, deshalb braucht es eine Differenzierung und eine dezidiert individuelle Betrachtung. Gleichsetzung hilft hier nicht, ist vielmehr Taktik.
Inwieweit sind andere Formen von Extremismus im deutschen Sport denn ein Problem?
Es gibt deutschlandweit mehr als 150 Fußballvereine, die mit der türkischen Community verbunden sind. Ein kleiner Teil davon sind Anhänger der rechtsextremen Ideologie der Grauen Wölfe. Hinzu kommen Mitglieder in anderen Sportvereinen ohne dezidierten türkischen Hintergrund. Als Mehrheitsgesellschaft haben wir das oft gar nicht auf dem Schirm. Aber wir wollen und müssen dafür sensibilisieren und Aufklärung leisten. Bei der Fußball-EM der Männer 2024 gab es mehrfach Vorfälle mit dem Zeigen des Wolfsgrußes, den die Mitglieder der rechtsextremen Grauen Wölfe nutzen, auch durch Spieler auf dem Platz. Wir gehen davon aus, dass das auch bei der WM im Sommer in Nordamerika ein Thema sein wird. Es ist unsere Verantwortung, auch diese Problemfelder aufzuzeigen. Hier geht es nämlich nicht nur um das Zeigen von rechtsextremen Symbolen, sondern um eine gewalttätige Organisation, die hiermit ihre Vormacht in Sportvereinen verdeutlicht und Fußballvereine als Rekrutierungsorte für junge Menschen nutzt. Deshalb hatte die dsj im Januar 2025 das Projekt „kontakt. – ultranationalistische und rechtsextreme Bewegungen im Sportumfeld“ als Teil des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gestartet. Darin wurden die Grauen Wölfe und in diesem Jahr auch die kroatischen Nachfolgeorganisationen der faschistischen Ustascha-Bewegung und ihre Auswirkungen auf den organisierten Sport in Deutschland untersucht. Leider fällt dieses Projekt zum Jahresende der Streichung von Fördermitteln zum Opfer, was wir sehr bedauern, weil die Arbeit sehr wichtig ist.
In welchem Ausmaß erleben Vereine oder Verbände politische Einflussnahme, Einschüchterungsversuche und sogar Übergriffe, und wie haben diese sich über die vergangenen Monate verändert?
Wir haben dazu leider kein systematisches und flächendeckendes Monitoring, das können wir aktuell noch nicht leisten. Aber wir haben aus dem Hearing im September viele Erkenntnisse dazu gewonnen, dass es einen klaren Anstieg dieser Fälle gibt, in Sportvereinen oder zum Beispiel über Kleine Anfragen oder parlamentarische Offensiven, über die Vereine sehr kritisch angegangen werden. Drohungen als Strategie zur Einschüchterung sind sehr verbreitet, wir haben dazu Materialien, um Betroffenen Hilfestellung leisten zu können, damit sie sich zur Wehr setzen können. Die AfD fährt eine Doppelstrategie, und zwar durch Anbiederung, indem sie mehr Mittel für den Sport verspricht, aber gleichzeitig durch Ablehnung und Diskreditierung, wenn der Sport Werte lebt.
IDAHOBITA* 2026: Gemeinsam stark gegen Queerfeindlichkeit
Sport sollte für alle Menschen ein sicherer und respektvoller Raum sein – unabhängig von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität. Dennoch erleben LSBTIQ*-Athlet*innen noch immer Vorurteile und Ausgrenzung, sei es auf dem Spielfeld, in der Umkleidekabine oder in ihrem Alltag.
Deshalb rufen wir dazu auf, am 17. Mai auf den IDAHOBITA* aufmerksam zu machen und Solidarität sowie Sensibilität im Sport sichtbar zu zeigen. Hier sind einige Möglichkeiten, wie ihr euch beteiligen könnt:
- Aufklärung und Sensibilisierung: Fragt eure Freund*innen, Familie und Kolleg*innen, ob sie den IDAHOBITA* kennen, tauscht euch über das Thema aus und macht auf ihn aufmerksam.
- Offizielle Gedenkveranstaltung: 17:00 Uhr am Mahnmal "Frankfurter Engel" (Klaus-Mann-Platz) zum Gedenken an die Verfolgung von Homosexuellen.
- Aktionstag/Markt der Vielfalt: Die Regenbogencrew der AHF und diverse Vereine gestalten einen Aktionstag, oft rund um die Hauptwache.
- Mitmachen: Macht mit bei der Kampagne „Demokratie ist Teamsport“ des Queeren Netzwerks NRW und des Landessportbundes NRW. Unter dem Motto „At the heart of democracy“ setzt die Aktion ein Zeichen für demokratische Werte und Vielfalt im Sport. Mehr Infos findet ihr unter Mitmach-Kampagne zum IDAHOBITA 2026: Demokratie ist Teamsport! - Queeres Netzwerk NRW
Trikottag wieder ein großer Erfolg! Der DOSB sagt herzlich Danke
Crunches und Seilspringen waren nicht so gut gelaufen, deshalb hatte Helen schon bei ihrer Community um Entschuldigung dafür gebeten, „dass ihr mir hier beim Versagen zuschauen müsst!“ Doch dann standen Liegestütze auf dem Programm, und von Versagen war keine Spur mehr. 16 sauber ausgeführte Wiederholungen hätte sie benötigt, um in ihrer Altersklasse die Anforderung für das Sportabzeichen in Gold zu erfüllen, 20 brachte sie im Innenhof der DOSB-Zentrale in Frankfurt am Main auf die Matte, ohne dabei auch nur aus der Puste zu geraten. Dafür gab es Applaus von Imke Hoppe und Matthias Hübner, die als „Prüfer“ die Übungen überwachten. Und für Helen, die Sport studiert, lange Basketball gespielt und jetzt Bouldern für sich entdeckt hat, die Erkenntnis, dass ihr allgemeiner Fitnesszustand durchaus zu Höherem bestimmt ist.
„Ich habe coole Einblicke bekommen und gespürt, wie groß der Sportsgeist hier ist“, sagte die Kölnerin, die am Mittwoch als besonderer Gast den Trikottag im DOSB miterlebte. Als „Almostfeline“ ist die Content Creatorin, die ihr Alter und ihren Nachnamen zum Schutz der Privatsphäre geheim hält, auf diversen Social-Media-Plattformen aktiv. Am Trikottag war sie, bekleidet mit dem „Köln 99ers“-Trikot der Rollstuhlbasketball-Nationalspielerin Lisa Bergenthal, fast fünf Stunden auf Twitch live, um einmal umfassend darzustellen, was der Dachverband des organisierten Sports so alles macht.
DOSB-Mitarbeitende meistern Trikottag-Challenge erfolgreich
Neben Imke Hoppe, Referentin Breiten- und Gesundheitssport, und Matthias Hübner, Leiter Digitalisierung, sprach sie zum Beispiel mit Leon Ries, Vorstand Jugend, über das Thema E-Sports und mit Niklas Pinsker aus dem Ressort Olympiabewerbung über die Pläne des DOSB, Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044 in Deutschland auszurichten. Begleitet wurde sie über den Tag von Steffen Jackobs, Referent Verbandskommunikation, der nicht nur kenntnisreich die Führung durch das Haus des Sports übernahm, sondern zum Abschluss des Trikottags auch die DOSB-Laufgruppe neu belebte, die künftig wieder an jedem Mittwoch nach Feierabend im Frankfurter Stadtwald unterwegs sein soll.
Um zu überprüfen, ob im DOSB auch vielfältig aktiv Sport getrieben wird, hatte Helen eine Trikottag-Challenge vorbereitet mit 18 verschiedenen Aufgaben, die ihre Gesprächspartner*innen gemeinsam mit ihr ausführen sollten. Das gefiel auch Otto Fricke. Der Vorstandsvorsitzende des DOSB, der zum Start und zum Abschluss des Streams zu Wort kam, entschied sich für „30 Sekunden auf einem Bein stehen“ – und schaffte dies nach einem Wackler zum Einstieg souverän. Für den 60-Jährigen, der stilecht das Trikot des Crefelder HTC über Hemd und Krawatte trug, war es der erste Trikottag im DOSB. „Mein Trikot trage ich bei der Arbeit zwar über Hemd und Krawatte, aber trotzdem mit voller Überzeugung“, sagte er, „dieser Tag macht deutlich, dass Sportvereine ein zentraler Bestandteil im Leben von Millionen von Menschen sind. Sportvereine stärken unseren Zusammenhalt, sie fördern Gesundheit und Wertevermittlung. Ich bin froh, dass der DOSB diesen Tag ausgerufen hat und wünsche mir weit über den Trikottag hinaus mehr Wertschätzung für das, was die 86.000 Sportvereine jeden Tag für uns alle leisten.“
