Warum Sportentwicklung und Kommunalentwicklung zusammengehören
Eine Turnhalle, deren Sanierung seit Jahren wartet. Ein Vereinsheim, in dem Ehrenamtliche nach Feierabend zusammensitzen und Trainingszeiten, Finanzen und die nächste Veranstaltung organisieren. Eine Schule, die für den Ganztag Partner sucht. Eine öffentliche Fläche, auf der Kinder, Jugendliche und Erwachsene Bewegung erleben können – unabhängig davon, ob sie einem Verein angehören. Sportentwicklung wird an solchen Orten konkret.
Und genau dort entscheidet sich auch, wie ernst wir es mit vielen großen Zielen meinen: mit mehr Bewegung und Gesundheit, mit Teilhabe und Bildung, mit guten Bedingungen für freiwilliges Engagement, mit lebendigen Quartieren und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Deshalb ist die Kooperationsvereinbarung, die der Deutsche Olympische Sportbund, der Deutsche Städtetag, der Deutsche Städte- und Gemeindebund und erstmals auch der Deutsche Landkreistag am 25. September in Baden-Baden unterzeichnet haben, für mich mehr als eine institutionelle Vereinbarung. Sie beschreibt eine Überzeugung, die meine Arbeit als Sportentwicklerin prägt: Wenn wir den Sport in Deutschland stärken und seine gesellschaftliche Kraft entfalten wollen, müssen wir dort ansetzen, wo beides jeden Tag geschieht: vor Ort. In unseren Vereinen. In Turnhallen und auf Sportplätzen. In Schulen und Ganztagsangeboten. In Quartieren, Städten, Gemeinden und Landkreisen. Sportentwicklung und Kommunalentwicklung lassen sich deshalb nicht voneinander trennen.
Zusammenhalt hat eine Adresse
Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Vertrauen und die Erfahrung, gemeinsam etwas gestalten zu können, sind keine Selbstverständlichkeiten. Gesellschaftliche Entwicklungen machen auch vor der Tür eines Sportvereins nicht halt. Vereine sind keine Inseln außerhalb gesellschaftlicher Konflikte. Sie sind Resonanzräume dessen, was uns als Gesellschaft beschäftigt. Gerade darin liegt ihre besondere Möglichkeit – und ihre Verantwortung.
Im Sport begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen Biografien, sozialen Voraussetzungen und Überzeugungen. Dann gilt es, miteinander etwas sehr Konkretes zu tun: eine Mannschaft zu bilden, Trainingszeiten zu organisieren, Regeln einzuhalten, Verantwortung zu übernehmen oder gemeinsam ein Vereinsleben zu gestalten. Das schafft nicht automatisch Demokratie. Und Sport erzeugt auch nicht automatisch Zusammenhalt. Sport kann solche Erfahrungen ermöglichen, wenn seine Räume offen sind, Menschen respektvoll miteinander umgehen, Teilhabe tatsächlich möglich ist und gemeinsame Werte nicht nur in Satzungen stehen, sondern gelebt werden.
Und diese Räume haben eine Adresse. Dort entscheidet sich, ob eine Sportstätte erreichbar ist. Ob eine Halle saniert wird. Ob ein Verein Partner einer Schule sein kann. Ob eine öffentliche Fläche Bewegung ermöglicht. Ob Ehrenamtliche Unterstützung erfahren oder an Verfahren verzweifeln. Ob Sportangebote für möglichst viele Menschen zugänglich sind.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht in abstrakten Strategien. Er entsteht – oder erodiert – in konkreten Lebensräumen. Deshalb ist die Partnerschaft zwischen Sport und Kommunen für mich weit mehr als eine sportorganisatorische Frage. Sie berührt unmittelbar die Frage, wie wir unsere Städte, Gemeinden und Landkreise lebenswert gestalten.
Wir beginnen dabei keineswegs bei null. Schon 2008 haben DOSB, Deutscher Städtetag und Deutscher Städte- und Gemeindebund mit ihrer damaligen Kooperationsvereinbarung einen wichtigen und für die Zeit beispielgebenden Schritt getan. Die Partnerschaft von organisiertem Sport und Kommunen wurde damit früh strategisch beschrieben.
Zugleich müssen wir selbstkritisch feststellen: Es ist uns in den fast zwei Jahrzehnten seitdem nicht ausreichend gelungen, diese Zusammenarbeit dauerhaft mit der notwendigen Kontinuität und Verbindlichkeit zu füllen. Genau deshalb musste die neue Vereinbarung über eine bloße Fortschreibung hinausgehen. Sie ist kompakt, konkret und stark auf gemeinsames Handeln ausgerichtet – mit klaren Zielrichtungen und einem verbindlicheren Arbeitsmodus. Denn entscheidend ist, was daraus entsteht.
Es gibt nicht die eine Kommune – und nicht die eine Lösung
Ein wesentlicher Fortschritt der neuen Vereinbarung ist auch, dass der Deutsche Landkreistag erstmals Teil des Bündnisses ist. Damit ist die gesamte Breite der kommunalen Spitzenverbände vertreten. Das ist sportentwicklungspolitisch relevant. Denn die Herausforderung einer Großstadt kann darin liegen, knappe Flächen für Sport und Bewegung zu sichern. In einer kleinen Gemeinde steht vielleicht die Zukunft der einzigen Sporthalle im Mittelpunkt. In einem ländlich geprägten Landkreis kann entscheidend sein, ob Menschen ein Sportangebot überhaupt in vertretbarer Zeit erreichen.
Demografische Entwicklung, finanzielle Möglichkeiten, Mobilität, Vereinslandschaften und Infrastruktur unterscheiden sich erheblich. Deshalb brauchen wir keinen Rahmen, der diese Unterschiede einebnet. Wir brauchen einen Rahmen, der gemeinsames Handeln trotz unterschiedlicher Ausgangslagen ermöglicht. Genau darin liegt für mich die Stärke dieser Kooperation: Sie verbindet einen gemeinsamen politischen Anspruch mit der notwendigen Offenheit für unterschiedliche Lösungen vor Ort.
Sport und Bewegung gehören zur kommunalen Daseinsvorsorge
Dazu gehört auch ein Satz, den wir selbstbewusst formulieren sollten: Sport und Bewegung gehören für uns zur kommunalen Daseinsvorsorge. Damit ist nicht gemeint, dass jede sportliche Leistung künftig von Kommunen erbracht werden soll. Gemeint ist, dass Bewegung, Sport und ihre Infrastruktur elementare Bestandteile lebenswerter Städte, Gemeinden und Landkreise sind. Sportvereine sind weit mehr als Anbieter organisierter Freizeit. Sie schaffen Bewegung und Gesundheit, eröffnen Bildungsgelegenheiten, ermöglichen Engagement und Zugehörigkeit und sind vielerorts ein wichtiger Teil der sozialen Infrastruktur.
Gerade deshalb müssen wir vorsichtig sein, wenn wir ihnen immer neue gesellschaftliche Aufgaben zuschreiben. Wenn ein Sportverein Bildungsort, Gesundheitspartner, Integrationsakteur, Anbieter im Ganztag und zugleich weiterhin einfach ein guter Sportverein sein soll, dann müssen wir auch über die Bedingungen sprechen, unter denen insbesondere ehrenamtlich getragene Organisationen all das leisten können.
Wer Engagement will, muss Engagement möglich machen. Wer Vereine als Partner braucht, muss sie partnerschaftlich behandeln. Und wer ihnen zusätzliche Aufgaben zutraut, muss Bürokratie, Finanzierung, Räume und Qualifizierung mitdenken.
Zehn Handlungsfelder – eine gemeinsame Aufgabe
Die Vereinbarung umfasst deshalb bewusst eine große inhaltliche Spannweite: Sportinfrastruktur und öffentliche Räume; Bildung, Ganztag und Sozialraum; Gesundheit und Prävention; Ehrenamt und freiwilliges Engagement; Zukunftsstrukturen im Sport; Umwelt, Klimawandel und Klimaschutz; Teilhabe und Diversity; Sportveranstaltungen; Wettkampf- und Leistungssport sowie gesellschaftlicher Zusammenhalt.
„Ein guter Start in einen Marathon bedeutet nicht automatisch eine Bestzeit“
DOSB: Michael, der nationale Auswahlprozess ist abgeschlossen. Welche Emotionen waren bei dir vorherrschend, als am Samstag in Baden-Baden München als deutscher Kandidat verkündet wurde?
Michael Mronz: Vor allem Freude über ein starkes Zeichen der Geschlossenheit. Sport, Wirtschaft und Politik haben – unabhängig vom finalen Kandidaten München – in Baden-Baden gemeinsam unter Beweis gestellt, dass sie hinter der Bewerbung stehen. Nicht nur München, ganz Deutschland will die Spiele. Das war das Signal, das aus der Olympischen Stadt Baden-Baden in die Welt gesendet wurde. Aber diese Freude ist mittlerweile schon wieder einer positiven Anspannung gewichen, denn der internationale Wettbewerb nimmt jetzt erst so richtig Fahrt auf.
Wie zufrieden bist Du mit der Auswahl der Delegierten?
Der DOSB hat mit dem Prozess der vergangenen Jahre eine sehr gute Grundlage für die Entscheidung von Baden-Baden gelegt. Gemeinsam mit den Bewerbern wurden vier Konzepte mit unterschiedlichen Stärken entwickelt, die allesamt ein sehr hohes internationales Niveau haben. Schlussendlich standen zwei davon zur Wahl. Die Delegierten haben sich mit deutlicher Mehrheit für München und somit für die kompakte Lösung entschieden. Neben dieser besonderen Kompaktheit, die vor allem in mehr als 90 Prozent der Athletinnen und Athleten in einem zentralen Olympischen Dorf sowie sehr kurzen Reisezeiten zu den Venues zum Ausdruck kommt, bringt das Münchener Konzept weitere Dinge mit, die in der weltweiten Olympischen Bewegung positiv zur Kenntnis genommen werden dürften. Alle Sportstätten sind vorhanden oder temporär und ermöglichen ein Ticketpotenzial von 15,3 Millionen Eintrittskarten. Hinzu kommt diese besondere Legacy der Spiele von 1972. Aber es gibt auch noch ein paar Punkte, an denen wir in den kommenden Monaten gemeinsam feilen müssen...
Zum Beispiel?
Wir müssen ein internationales Narrativ entwickeln, das dem gesamtdeutschen Anspruch der Bewerbung gerecht wird. Bei aller internationalen Strahlkraft Münchens geht es darum, der Welt aufzuzeigen, was Deutschland mit den Spielen erreichen will. Was ist die Geschichte, die wir der Welt mit den Spielen erzählen wollen, was bringen Spiele in München der Olympischen Bewegung weltweit? Und das möglichst bald. Aber ich bin überzeugt, dass wir das können. Ich bin deshalb dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder sehr dankbar, dass er direkt nach der Verkündung darauf hingewiesen hat, welch hohe Verantwortung München und der Freistaat Bayern durch diese Entscheidung jetzt für unser Land haben. Dass es vorrangig nicht um eine bayerische, sondern um eine deutsche Veranstaltung geht. Dennoch ist es wichtig, dass der weitere Prozess unter der Federführung des DOSB und der Stadt München auch beim Freistaat und der Bundesregierung eine Chefsache bleibt.
Nun fragen sich natürlich viele am Sport Interessierte, wie es weitergeht mit der deutschen Bewerbung. Was sind international die nächsten Schritte?
Der DOSB befindet sich bereits seit November des vergangenen Jahres im sogenannten kontinuierlichen Dialog mit dem IOC, wir sind seither offizieller Interessent für die Ausrichtung der Spiele 2036, 2040 oder 2044. Jetzt, da wir mit München eine Stadt ausgewählt haben, geht es intensiv weiter mit der Arbeit. Auf hauptamtlicher Ebene gibt es schon in den kommenden Wochen zahlreiche Workshops, und noch in diesem Jahr müssen wir das Konzept inklusive vieler Details meinen IOC-Kolleg*innen in der Future Host Commission präsentieren. Im Frühjahr 2027 wird das IOC dann entscheiden, welche Bewerber in den neu geschaffenen Strategic Dialogue aufgenommen werden. Diese strategische Phase soll den Austausch zwischen dem IOC und Bewerbern weiter vertiefen, auch um eine möglichst hohe Passfähigkeit mit den IOC-Zielen zu schaffen.
Sport und Kommunen schließen neue Allianz für Zusammenhalt, Gesundheit und Zukunft
Der Deutsche Städtetag, der Deutsche Landkreistag, der Deutsche Städte- und Gemeindebund, und der Deutsche Olympische Sportbund haben am 25. September 2026 im Kongresshaus Baden-Baden die Kooperationsvereinbarung „Sport bewegt Kommunen – Eine Allianz für Zusammenhalt, Gesundheit und Zukunft“ unterzeichnet.
Mit der Vereinbarung erneuern und erweitern die vier Organisationen ihre seit 2008 bestehende Zusammenarbeit. Sport und Bewegung werden darin ausdrücklich als kommunale Querschnittsaufgabe und als wichtiger Bestandteil der kommunalen Daseinsvorsorge verstanden. Gemeinsam wollen die Partner dazu beitragen, die Rahmenbedingungen für Sport und Bewegung vor Ort zu verbessern und die gesellschaftliche Bedeutung der Sportvereine als verlässliche Partner der Kommunen weiter zu stärken.
Unterzeichnet wurde die Vereinbarung von Prof. Dr. Eckart Würzner, Erster Stellvertreter des Präsidenten des Deutschen Städtetages, Thomas Karmasin, Vizepräsident des Deutschen Landkreistages, Ralph Spiegler, Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes sowie Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.
Zehn gemeinsame Handlungsfelder
Die Kooperationsvereinbarung umfasst zehn Handlungsfelder, in denen Sport und Kommunen künftig noch enger zusammenarbeiten wollen: Sportinfrastruktur und öffentliche Räume; Bildung, Ganztag und Sozialraum; Gesundheit und Prävention; Ehrenamt und freiwilliges Engagement; Zukunftsstrukturen im Sport; Umwelt, Klimawandel und Klimaschutz; Teilhabe und Diversity; Sportveranstaltungen; Wettkampf- und Leistungssport sowie gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Dabei soll es nicht bei einer politischen Absichtserklärung bleiben. Die Partner streben einen kontinuierlichen Informationsaustausch auf Leitungs- und Arbeitsebene, ein möglichst abgestimmtes politisches Auftreten, gemeinsame Stellungnahmen, Publikationen und Veranstaltungen sowie regelmäßige Fortschrittsberichte an. Herausforderungen für den kommunalen Sport sollen frühzeitig erkannt und gemeinsam bearbeitet werden. Perspektivisch ist auch eine gemeinsame Kommunal-Sport-Konferenz vorgesehen.



