„Deutschland hat wieder Lust auf Olympia“
Manchmal hat man Glück und trifft genau die richtige Personalentscheidung. Vincent Kompany ist offenbar so eine, der Trainer von Bayern München. Oder Alex Mumbru, der Basketball-Bundestrainer. Oder Leonie Wagner, die Kanu-Polo-Bundestrainerin.
Der eine wurde Deutscher Meister und führt sein Team von Sieg zu Sieg. Der andere gar Europameister, auch weil er ein starkes Team um sich hatte, dass die Mannschaft auch ohne ihren schwer erkrankten Headcoach erfolgreich war.
Und Leonie Wagner führte die Frauen als Spielertrainerin zu einem souveränen World Games Sieg. Und dann gibt es die, die keine gefeierten Siege einfahren und keine Meisterschaften holen und dennoch sind sie Gold wert. Ich rede, Ihr ahnt es sicher schon, von niemand geringerem als von…Volker Bouffier. Herzlich Willkommen.
Gegen Ende 2024 befand sich der DOSB in einer angespannten Lage. Die Ampel-Regierung war gescheitert, auch für uns zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Schließlich hatten wir ambitionierte Pläne - nicht zuletzt, was die Olympischen und Paralympischen Spiele angeht. Zudem hatten wir uns von unserem Vorstandsvorsitzenden Torsten Burmester getrennt, der das Oberbürgermeister-Amt von Köln anstrebte. Und dann im September dieses Jahres zum OB von Köln gewählt worden ist. Herzlichen Glückwunsch, lieber Torsten, zu diesem Erfolg und alles Gute für diese neue Aufgabe.
In dieser besonderen Lage ist der Vorstand in die Presche gesprungen und hat den Laden am Laufen gehalten. Dafür gebührt Euch und Euren Teams, liebe Michaela, lieber Thomas, lieber Olaf und lieber Leon, unser herzlicher Dank. Euch zur Seite stand - wie schon erwähnt - Volker Bouffier. Einer, der Lust am Gestalten und am Sport hat. Und der dazu beigetragen hat, dass wir heute anders da stehen, als zur gleichen Zeit im letzten Jahr.
Und dann ist da auch noch Otto Fricke. Unser neuer Vorstandsvorsitzender im DOSB. Der mich schon in den ersten drei Monaten mit seiner Energie und positiven Art beeindruckt hat. Lieber Otto, ich finde, wir haben mit Dir einen guten Fang gemacht.
Drei Dinge, vor allem, haben wir in diesem Jahr gemeinsam erreicht:
Erstens: Wir haben erstmals in der Geschichte unseres Landes eine Sport-Staatsministerin im Bundeskanzleramt. Dr. Christiane Schenderlein.
Zweitens: Wir sind 29,3 Millionen! So viele Menschen wie noch nie sind Mitglied in einem deutschen Sportverein!
Und drittens und das mit Abstand stärkste Signal: Wir haben durch das erfolgreiche Bürgervotum in München zu einer Bewerbung um Olympische und paralympische Spiele viele vor Ort, uns selbst auch ein wenig und international sowieso – positiv überrascht!
„Der Erfolg hat immer viele Väter“ haben Sie, lieber Volker Bouffier, selbst gerne betont. Ich würde „und Mütter“ ergänzen. Lieber Volker Bouffier, dass wir Ihnen schon 2023 die Ehrenmedaille des DOSB verliehen haben, war damit also auch im Nachhinein goldrichtig! Einer Ihrer vielen Sätze, die bei mir nachhallen, ist Folgender: „Gemeinsamkeit schaffen und eine große Idee skizzieren.“ Volker, Sie haben ein „und“ zwischen „Gemeinsamkeit“ und „Idee“ gestellt. Aber ich finde: „Gemeinsamkeit schaffen“, das allein ist schon eine große Idee. Und dieser möchte ich mich heute besonders widmen.
Gemeinsamkeit schaffen, um das vorneweg zu sagen, bedeutet für mich nicht Friede, Freude, Eierkuchen.
Unter Menschen ist es nun mal so: Je mehr Menschen zusammenkommen, desto eher kommt es zu Uneinigkeiten. Schon Familien sind nicht frei davon. Erst recht nicht Vereine.
Und wie sollte es da einem Verband mit 102 Mitgliedsorganisationen und mehr als 29 Millionen Mitgliedschaften gehen? Ist doch klar, dass da unterschiedliche Meinungen und Ideen aufeinander prallen. Und die will ich, die wollen wir auch nicht wegdrücken. Was wir aber wollen: im Geiste einer Gemeinschaft mit unterschiedlichen Meinungen demokratisch umgehen. Vertrauensvoll und fair. Lösungsorientiert und so, dass wir uns jederzeit in die Augen schauen können. So wie wir es alle von Sportlerinnen und Sportlern erwarten.
Ist doch so, oder? Auch 2025 haben wir wieder gesehen, dass das nicht immer einfach ist. Es gab an mancher Stelle Unruhe und das Wort „Verbandsautonomie“ wurde viel oder besser überstrapaziert.
Keine Sorge, es kommt jetzt keine Rechtfertigungsarie. Denn das würde gerade keine Gemeinsamkeit schaffen.
Aber ich möchte doch klarstellen, was ich, was der DOSB unter Verbandsautonomie versteht: jede unserer Mitgliedsorganisationen ist eigenständig und verantwortlich für die eigenen Verbandsgeschäfte. Dafür, dass diese innerhalb des rechtlichen Rahmens ausgeführt werden. Dafür, dass Athletinnen und Athleten ihrem Sport nachgehen können, sich sicher fühlen, und sich keine Sorgen machen müssen, ob sie noch zum nächsten Wettkampf reisen können. Wir alle erwarten, dass genau dafür gesorgt wird! Und wir, der DOSB, bieten euch dafür Unterstützung an, Orientierung, Hilfestellungen. Wir lassen euch nicht alleine, aber ihr müsst diese Angebote auch nutzen! Wir können und wollen nicht einfach so durchgreifen. Es gab Zeiten in Deutschland, in denen das so war, aber dahin will doch hier in diesem Saal keiner zurück.
So funktioniert Gemeinsamkeit eben nicht!
Zugleich müssen wir alle mit diesen Freiheiten verantwortungsvoll umgehen, und immer das Wohl derer im Blick haben, die uns anvertraut sind: das der Athletinnen und Athleten. Denn Gemeinsamkeit schaffen, bedeutet eben auch, in einer Gemeinschaft nicht alle einfach machen zu lassen. Sondern stets das große Ganze im Auge zu behalten.
Wie sieht es mit der Gemeinsamkeit bezüglich unseres riesig großen Themas aus? Olympische und Paralympische Spiele.
Was sich leicht festhalten lässt: Wir alle hier stehen hinter Olympia in Deutschland. Ausnahmslos. Einig und stark. Jetzt gibt es manche, die kritisieren, dass Bayern vorgeprescht sei. Aber Gemeinsamkeit schaffen, heißt nicht Gleichheit, heißt nicht, dass man nicht vorangehen darf, wenn es im Interesse aller ist. Die Bayern und die Münchener haben ihr Herz in die Hand genommen und ruckzuck mit dem Bürgerentscheid losgelegt. Und zwar überaus erfolgreich. Mit einer beeindruckenden Wahlbeteiligung und einem überragenden Ergebnis.
Herzlichen Glückwunsch, lieber Jörg Ammon, lieber Dieter Reiter, lieber Markus Söder.
Ich finde, wir alle haben etwas davon. Weil wir jetzt wissen, dass es in unserem Land reale Mehrheiten für Olympische und Paralympische Spiele gibt. Diese 66,4 % sind nach den Erfahrungen der Vergangenheit und der allgemeinen Verzagtheit der Gesellschaft geradezu ein Befreiungsschlag. Und die Welt um uns herum hat es aufmerksam registriert.
Deutschland, das lässt sich jetzt schon sagen, hat wieder Lust auf Olympia. Das wird sich, so glaube ich, auch bei den Volksentscheiden in Hamburg und in der Rhein-Ruhr-Region beweisen. Und ich bin mir sicher, Berlin wird auch ohne Volksentscheid ein beeindruckendes Statement für Olympia abgeben. Aus vier sehr starken Bewerbungen wird am Ende die stärkste als Sieger hervorgehen. Und wer das schafft, hat auch international gute Chancen, die Olympischen und Paralympischen Spiele nach Deutschland zu holen. Nicht nur für sich. Sondern für ganz Deutschland.
So geht Gemeinschaft!
Jetzt gibt es Einige, die beklagen, wie lange der demokratische Prozess dauert. Wie der genaue Weg bis zu dieser Entscheidung aussehen soll, wird später sicher noch beschlossen.
Dabei geht es um Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Und am Ende geht es darum, eine Entscheidung zu treffen, hinter der wir alle uns versammeln können, hinter der sich das ganze Land versammeln kann. Gemeinschaftlich. Wie weit wir dabei schon sind, zeigt auch das Beispiel unserer nationalen Kampagne „Dafür sein ist alles“, die wir im September gestartet haben. Alle sind eingeladen, den Weg zu Olympischen und Paralympischen Spielen in Deutschland mitzugestalten.
Für diesen Weg haben wir Stand heute schon mehr als 30 deutsche Unternehmen gewinnen können. Sie alle stellen sich gemeinsam hinter dieses Ziel. Das ist beispiellos.
So sieht Gemeinsamkeit aus.
Wir sind gerade dabei, Sport und Wirtschaft so eng zu verknüpfen wie nie. Bei der Olympiabewerbung gilt das ausdrücklich auch für die Politik. Am Donnerstag hat der Bundeskanzler gemeinsam mit den beteiligten Ministerpräsidenten und mir als Präsident des DOSB mit der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding ein deutliches Zeichen für die Spiele gesetzt. Auch international sind wir gemeinsam unterwegs.
Diese Bewerbung ist die gemeinschaftliche Bewegung, die Deutschland jetzt braucht!
Wie großartig wäre es, wenn wir von dieser Gemeinsamkeit auch bei den anderen Themen des Sports und ihrer gesellschaftlichen Strahlkraft sprechen könnten? Um das zu erreichen haben wir uns vor der Bundestagswahl für das Amt einer Sport-Staatsministerin ausgesprochen. Nicht, weil wir mit Nancy Faeser als damals zuständige Innenministerin unglücklich gewesen wären. Aber so ein Amt frisst natürlich unglaublich Energie und man hat als Innenministerin auch noch anderes zu tun, als sich primär um den Sport zu kümmern.
Sie, liebe Frau Dr. Schenderlein, wollen nun mit ungeteilter Kraft etwas für den Sport bewegen. Das begrüßen wir nicht nur, das haben wir und werden wir tatkräftig unterstützen.
Aber bitte tun sie es MIT dem Sport und nicht ohne ihn und bitte nie gegen ihn. Wir sind die größte Bürgerbewegung des Landes:
29 Millionen Mitgliedschaften in 86.000 Vereinen! Wir sorgen für Bewegung, Gesundheit, und Gemeinschaft.
Wir sind mehr als 8 Millionen Ehrenamtliche.
Wir sind ein Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft.
Unsere Athletinnen und Athleten sind echte Vorbilder und Inspiration.
Deshalb mein Appell an Sie und die Bundesregierung: nutzen Sie gemeinsam mit uns die Kraft des Sports! Denn nur gemeinsam können wir die großen Herausforderungen, die anstehen, meistern! Es ist zwar gut, dass Ernst gemacht wird mit einem Sportfördergesetz, das wir schon länger fordern. Einem Gesetz, das den Spitzensport in Deutschland wieder an die Weltspitze führen soll.
Allerdings drängt sich der Eindruck auf, die Regierung wolle bei dieser Problematik durchregieren können. Bei der geplanten Gründung der Spitzensport-Agentur scheint sich die Exekutive eine deutliche Stimmenmehrheit gegenüber dem Sport sichern zu wollen, das Bundeskanzleramt gar einen Zustimmungsvorbehalt bei allen wesentlichen Entscheidungen, was nichts anderes ist als ein Veto Recht. Das bedeutet: ausgerechnet diejenigen, die am meisten vom Sport verstehen, haben, wenn es drauf ankommt, nichts zu entscheiden.
So sieht Gemeinsamkeit NICHT aus.
Und deswegen lehnen wir den Referentenentwurf in seiner vorgelegten Form ab. Auch, weil der in einer Vorversion vorhandene Verweis auf die Autonomie des Sports ausdrücklich gestrichen worden ist. Da hilft auch kein Verweis auf die Verfassung. Die Autonomie des Sports ist nicht verhandelbar und ich möchte die neue IOC-Präsidentin zitieren: "Autonomy of Sport means taking responsibility and freedom from political interference".
„Die Autonomie des Sports bedeutet Verantwortung zu übernehmen und frei von politischer Einflussnahme zu sein“.
Den deutschen Spitzensport auch im olympischen Sommersport wieder an die Weltspitze zu führen ist doch eine klar definierte Aufgabe. Uns ist bewusst, dass mit Steuergeldern sorgsam umgegangen werden muss. Als DOSB sind wir bereit die Unabhängigkeit einer sportfachlich geführten Agentur zu akzeptieren und aktuelle Kompetenzen abzugeben.
Aber natürlich erwarten wir dasselbe von der Sportabteilung im Bundeskanzleramt, um wirklich auf Augenhöhe agieren zu können. Ohne dabei die gemeinsame Steuerung der Agentur im besten Sinne von checks and balances aufzugeben.
Ambitionierte Ziele setzen wir uns auch über den Leistungssport hinaus: Wie es sich für uns vom DOSB gehört, fühlen wir uns dem Allgemeinwohl verpflichtet. Wir wollen dazu beitragen, das Leben für alle besser zu machen.
Und deshalb besteht eines unserer Ziele darin, dass sich Kinder und Jugendliche im Schnitt mindestens 90 Minuten pro Tag bewegen, Erwachsene mindestens 150 Minuten pro Woche.
Stellen Sie sich vor, wie sich das auf die Lebensqualität auswirkt. Es bedeutet: fitter, gesünder, sich einfach wohler in seiner Haut zu fühlen.
Und keine Angst, wir werden unsere Kinder nicht tracken und natürlich werden wir niemanden zwingen. Aber wir wollen ein Umfeld schaffen, das dazu einlädt, sich zu bewegen. Dabei wird auch die Deutsche Sportjugend eine wichtige Rolle spielen, die im Übrigen in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen feiert. Herzlichen Glückwunsch dazu!
Wir wollen außerdem erreichen, dass niemand länger als 15 Minuten vom Wohnort zu einem modernen Sportangebot braucht.
Ambitioniert? Ja. Machbar? Ja.
Jedenfalls dann, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Wenn wir alle es wollen. Wenn wir es alle ernsthaft versuchen. Gemeinschaftlich. Dabei helfen die mittlerweile für die kommenden Jahre beschlossenen 666 Millionen Euro des Bundes zur Sportstättenförderung. Und die weiteren 250 Millionen für Schwimmbäder. Vielen Dank, Frau Ministerin, vielen Dank, liebe Abgeordnete im deutschen Bundestag.
Aber auch da mein Appell: nutzen Sie die Expertise im Sport bei der Umsetzung des Programms, damit das Geld auch dort ankommt, wo es gebraucht wird: bei den Sportvereinen.
Ein erklärtes Ziel aber steht über allem. Und das ist das Ziel: „Sport für alle – sicher, willkommen und gesünder“.
Denn Sport lebt von Gemeinschaft. Und zu dieser Gemeinschaft gehören alle. Jede und jeder Einzelne. Und deshalb werden wir immer alles dafür tun, dass sich beim Sport alle aufgehoben fühlen.
So geht Gemeinschaft!
Unsere Aufgabe als DOSB ist: Alle mit dem gleichen Wohlwollen im Blick zu haben. Angefangen bei den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, über alle Kinder und Jugendliche, egal wo sie herkommen, all die unersetzlichen Ehrenamtlichen, die fantastischen Trainerinnen und Trainer, die nervenstarken Schiedsrichter, die Breitensportler, die Spitzensportler und sogar, wenn ich das sagen darf, wir Delegierte und Funktionäre.
Wir alle wollen ein erfülltes Leben. Wir alle streben nach Glück. Und dafür sollten wir uns gemeinschaftlich und sportlich fair die Hand reichen. Dazu strecke ich meine aus.
Vielen Dank.
+++ Es gilt das gesprochene Wort +++
DOSB fordert Zukunftspakt Ehrenamt für den Sport
Aktuelle Zahlen aus Deutschem Freiwilligensurvey, Engagementbericht und Sportentwicklungsbericht zeichnen ein klares Bild: Der Sport bleibt das größte Engagementfeld in Deutschland. Rund neun Millionen Menschen engagieren sich in Sportvereinen. Das sind mehr als in jedem anderen Bereich der Zivilgesellschaft. Gleichzeitig ist die gesamtgesellschaftliche Engagementquote von 39,7 Prozent (2019) auf 36,7 Prozent (2024) gesunken. Auch im Sport nimmt der Anteil leicht ab, obwohl die Zahl der Mitgliedschaften erneut einen Rekordwert von 29,3 Millionen erreicht.
Besorgniserregend: 17,5 Prozent der Sportvereine sehen sich durch Engpasssituationen bei Trainer*innen, Übungsleiter*innen und Vorständ*innen in ihrer Existenz bedroht. Ihre Aufgaben werden komplexer, der zeitliche Aufwand steigt und immer mehr freiwillig Engagierte verbringen einen erheblichen Teil ihrer Zeit mit bürokratischen Anforderungen statt mit sportlicher Arbeit.
Gleichzeitig zeigt der Freiwilligensurvey: Die Bereitschaft, sich künftig zu engagieren, ist hoch. Insbesondere bei jungen Menschen und bei Personen, die bislang noch keinen Zugang zu Engagementstrukturen hatten. Doch Zugangshürden, soziale Unterschiede und fehlende Zeit verhindern häufig den Einstieg.
Was gut war, wo wir besser werden können - und auf was ich mich freue
Liebe Sportfreundinnen und Sportfreunde,
bevor ich euch auf meine kleine, persönliche Reise durch das Sportjahr 2025 mitnehme, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Stephan Brause um Verzeihung zu bitten. Ich glaube, ich habe den Leiter unseres Ressorts Olympiabewerbung am 26. Oktober an den Rand des Nervenzusammenbruchs getrieben. Es war der Abend des Referendums in München, und ich war so aufgeregt und nervös, dass ich Stephan immer wieder Nachrichten geschickt habe, um den aktuellen Stand der Auszählung zu erfragen. Als um 18.45 Uhr immer noch kein Ergebnis vorlag, habe ich ihn angerufen und gefragt, was nun Sache ist. Wenig später konnte er mir die frohe Kunde von überragenden 66,4 Prozent Zustimmung überbringen. Mein Abend war gerettet!
Was aber viel wichtiger war als meine persönliche Gefühlslage an diesem historischen Abend: Deutschland hat endlich wieder einen Kandidaten, um ins internationale Rennen um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele einzutreten! Dass in München erstmals in der weltweiten Sportgeschichte ein Bürgerentscheid über Sommerspiele gewonnen wurde, ist ein sehr wichtiger Schritt für unser Land. Und wenn alles gut läuft, gehen diesen Schritt im kommenden Jahr auch die drei weiteren Bewerber aus Berlin, Hamburg und Rhein-Ruhr. Aber dazu später mehr, zunächst gilt es zurückzuschauen.
Vor einem Jahr standen wir vor großen Herausforderungen
Um einordnen zu können, was der organisierte Sport in Deutschland in diesem Jahr erreicht hat, ist es notwendig, den Blick ins vergangene Jahr zu richten. Vor der Mitgliederversammlung im Dezember 2024 stand der DOSB ohne Vorstandsvorsitzenden da - und gleichzeitig vor der Herausforderung, mit einer neu zu wählenden Bundesregierung den mit der gescheiterten Ampelkoalition fast schon abgeschlossenen Prozess der Implementierung eines Sportfördergesetzes neu aufzulegen und auch die uns wichtigen Themen im Koalitionsvertrag unterzubringen. Den Prozess zur Olympiabewerbung haben wir in Richtung eines „One-Village-Konzeptes“ modifiziert, um international größere Erfolgschancen zu haben. Und mit der Einführung eines Safe Sport Codes betraten wir als erste zivilgesellschaftliche Organisation in Deutschland Neuland, dessen Erschließung Ungewissheiten beinhaltete.
Wenn ich heute, rund ein Jahr später, auf das schaue, was sich aus diesen Herausforderungen entwickelt hat, glaube ich guten Gewissens sagen zu können, dass 2025 ein gutes Jahr für den Sport in Deutschland war. Münchens Erfolg habe ich bereits erwähnt; wir freuen uns aber auch darüber, dass wir einen Prozess initiiert haben, den alle vier Bewerberregionen als transparent und fair empfinden. An diesem Samstag stimmt die Mitgliederversammlung über den weiteren Weg zur Findung des nationalen Kandidaten ab. Die Unterstützung für die Bewerbung ist vollumfänglich vorhanden, am Donnerstag dieser Woche haben die Bundesregierung unter Führung von Bundeskanzler Friedrich Merz, die vier Bewerberregionen und der DOSB eine politische Vereinbarung zur Olympiabewerbung unterzeichnet, das sogenannte „Memorandum of Understanding“. 34 namhafte Unternehmen haben sich in einer Wirtschaftsinitiative zusammengeschlossen, um ihrerseits die Bewerbung zu fördern. Und wir sind Ende November mit dem Internationalen Olympischen Komitee in den Continuous Dialogue eingetreten, was uns zum offiziellen Interessenten für die Ausrichtung macht. Unser Ziel, eine Bewerbung zu gestalten, die dem gesamten Land dient, können wir durch diese Geschlossenheit untermauern, und das freut mich ganz besonders.
Großer Dank an unsere Vorstände
Diese Unterstützung war eine unserer drei Kernforderungen an die Bundespolitik, die wir vor der Bundestagswahl im Februar formuliert hatten. Dass es auch die anderen beiden in den Koalitionsvertrag geschafft haben, verdanken wir in erster Linie der beharrlichen Arbeit unserer Gremien und Ressorts. Zu einem nicht unwesentlichen Teil aber auch Volker Bouffier, der in den ersten sieben Monaten dieses Jahres als Vorstand mit besonderen Aufgaben die Vakanz auf dem Vorstandsvorsitz nicht nur tilgen, sondern dank seines persönlichen Netzwerks auch Impulse geben konnte, die tief in die Politik hinein gewirkt haben. Meine beiden ganz persönlichen Höhepunkte des Sportjahres 2025 sind deshalb die Gewissheit, dass die Personalie Bouffier die erhoffte Wirkung erzeugt hat, und der Fakt, dass Otto Fricke sich als neuer Vorstandsvorsitzender von September an sehr gut in das manchmal komplizierte Gebilde DOSB eingefügt hat. Dass beides möglich war, liegt in besonderem Maße in der unermüdlichen Arbeit unserer Vorstände Michaela Röhrbein, Thomas Arnold, Leon Ries und Olaf Tabor begründet, die insbesondere in der Zeit ohne Vorstandsvorsitzenden Großartiges geleistet haben.
Ich weiß, dass unsere Kritikerinnen und Kritiker diese Bilanz dadurch verwässert sehen könnten, dass die Sportmilliarde, die wir pro Jahr gefordert hatten, aktuell noch nicht in jedem Jahr fließen soll. Und dass die Beziehung zur neuen Staatsministerin für Sport und Ehrenamt - ein Amt, das unsere dritte Forderung war - dadurch gelitten hat, dass der Referentenentwurf zum Sportfördergesetz veröffentlicht wurde, ohne dass er mit dem DOSB vorabgestimmt worden ist. Das mag man so sehen, ich sehe es anders. Manche Dinge brauchen eben Zeit, um sie komplett durchzusetzen, und gegenseitiges Vertrauen, das wachsen muss. Und manche sind schlicht Machtspiele, die in der Politik regelmäßig vorkommen.
Weder ich noch meine Kolleginnen und Kollegen in Vorstand und Präsidium verschließen die Augen davor, dass wir als DOSB unsere Außendarstellung und unsere Vertrauenswürdigkeit noch optimieren können. An manchen Stellen dürfen wir uns noch offensiver einbringen, an anderen müssen wir deutlicher auf unsere Expertise und unsere Verantwortung pochen. Aber grundsätzlich bin ich überzeugt davon, dass wir im Jahr 2025 sowohl im Binnen- als auch im Außenverhältnis wichtige Schritte in die richtige Richtung gegangen sind, um möglicherweise verloren gegangenes Vertrauen in unsere Kompetenzen zurückzugewinnen. Daran, auf diesem Weg alle mitzunehmen und die ungemein vielfältigen Themenbereiche, die unsere Arbeit im DOSB umfasst, auszugestalten und stetig weiterzuentwickeln, arbeitet unsere gesamte Belegschaft jeden Tag mit großer Leidenschaft und Energie. Dafür möchte ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aussprechen.


